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Klusfelsen

Das komische Jahr 2020 neigt sich dem Ende und mich überkam noch einmal die Sehnsucht nach dem Harz.
Relativ spontan machte ich einen Termin mit Lars aus und so zogen wir am 4.12. wie immer um sechs bei Lars los in Richtung Halberstadt.
Ursprünglich hatte ich eine andere Tour rausgesucht aber die von meinem Mitstreiter kam mir doch noch sehr gelegen. Warum ?
 
Anfang des Jahres war ich zu einer Kur, welche meinen Diabetes wieder in Ordnung bringen sollte. Mein Problem mit Diabetes ist einfach, ick bin zu klein für mein Gewicht und nachts nähen die Kalorientierchen meine Klamotten enger.
Nach der 6 Wochen Kur konnte ich alle Medikamten absetzen und hatte 12 Kilogramm abgenommen. Stolz kehrte ich nach Hause zurück und entstaubte meine Motoradkombi um festzustellen, das die Kalorientierchen auch hier dran .... vergesst es.
 
Lars hatte eine Runde raus gesucht, für die man 'ne jute Stunde braucht. Wenig Steigungen oder Gefälle und die Start-Ziel-Linie lagen gut beieinander. Das wir mehr Zeit benötigen würden lag nicht nur an meiner zurückgewonnenen Kleidergröße, sondern auch daran, das wir unendlich viele Fotos machen würden. Ich weiß, das in dem Satz zwei mal würden steht. Wenn du's besser kannst, schick mir ne Mail, so ätsch.
 
Wie schon gesagt, um sechs los, kurz darauf auf der Autobahn in Richtung Halberstadt. Die Strecke war frei, so das ich wo es ging den linken Fuss auf dem Gas ausruhen konnte. So kamen wir mit knapp 200 Stundenkilometern dem Ziel schnell nah. Kurz nach acht in der Früh gingen auf dem Parkplatz die Autotüren auf und wir wurden von einer unangenehmen Frische empfangen. Der Vorteil der Uhrzeit war jedoch, das hier noch keine Menschenseele unterwegs war und wir alles für uns hatten.
Die Rucksäcke geschultert und die Wanderstöcker in die Hand genommen ging es auch los. gleich nach dem Parkplatz kam bereits die erste Steigung und Lars meinte mit einem lachenden und einem weinenden Auge, das er eigentlich schon genug hat. Wat bitte soll ich denn sagen ? Ich bin wiedermal am Wochenende zu einer Uhrzeit aufgestanden,die einfach ungehörig ist. Es ist nicht rechtens, an einem Wochenende vor 12 Uhr aufzustehen. Aber nun waren wir hier, also zogen wir auch durch.
Kurz nachdem wir in den kahlen Wald eintauchten flüchteten vor uns zwei Rehe zur rechten Seite einen Hang hinauf. Erschrocken blieben wir stehen. Ich nestelte an meiner Beintasche um das Handy herauszubekommen. Als ich es in den Händen hielt um ein Foto zu machen sprang das blöde Reh lachend die andere Seite des Hanges hinunter. Nix Foto.
Nun denn ... wir gingen weiter und erklommen die vielleicht 50 Höhenmeter die vor uns lagen. Unbewusst ließen wir links unter uns das Fliegerdenkmal zurück und ich schnaufte jetzt schon wie die Lokomotive "Molly".
Wir kamen zu den ersten Höhlen, welche vor Äonen von Jahren von Schäfern hier gebaut wurden um nachts wenn die Schafe draussen schliefen einen Unterschlupf zu haben. Der Wald hier war nicht immer Wald. Vor langer Zeit war hier wohl Wiese - eine Art Weide oder Alm. Schafe sollen hier gegrast haben. Eigentlich nicht vorstellbar wenn man sich umschaut, allerdings sind die Bäume hier tatsächlich nicht so uralt, also könnte die Geschichte stimmen.
Überall in den weichen Sandstein am Wegesrand sind Namen eingeritzt oder Dati, Datumse oder Zeichen. Auf einem Felsen ist ein Soldat mit Pickelhaube eingeritzt und darunter "H. Wohlfeld" und eine 1914.
Vermehrt sind hier aber russische Zeichen zu sehen, da hier früher Sperrgebiet war.
 
Wie aus dem nichts taucht rechts vor uns der Fünffingerfelsen auf. Eine beeindruckende Sandsteinformation aus der Unterkreide, welche vor ungefähr 110 Millionen Jahren aus einem Flachmeer entstand.
Ein schmaler Weg schlängelt sich nach oben. Mein Weg wird kurz durch eine Höhle unterbrochen in die ich unbedingt rein muss, egal ob Höhlenbär oder nicht.
Geschmeidig wie 'ne Katze drücke ich mich an dem davor liegenden Felsen vorbei und bin drin. Zack - Duster (keine Produktplatzierung). Ich mache das Licht vom Handy an - zack immernoch duster. Hier drin ist es dunkel wie ... Licht wird einfach verschluckt wie bei nem schwarzen Loch. Bevor mich das gleiche Schicksal ereilt mach ich die Wolke und verzieh mich aus dem inneren des Berges.
Dafür geht es jetzt wieder weiter nach oben, ist ja auch toll.
Oben angekommen erwarten einen vier von fünf Fingern. Den fünften hab ich nicht gefunden. Auch hier haben sich die Leute im Sandstein verweigt seit die Menschheit schreiben oder zumindest Zeichen kann. hier was kyrillsiches, da was deutsches und hin und wieder eine kleine Rune.
Schon von hier oben aus hat man - dank des wie immer bei meinen Reisen mitspielenden Wetters - einen fantastischen Halbrundumblick. Ich freue mich auf den Klusfelsen, den man von hier aus schon sehen kann.
 
Nachdem wir vom Vierfingerfelsen wieder runter sind geht es weiter zum Klusfelsen. Er ist nicht weit, aber einen richtigen Weg nach oben entdecken wir nicht, also geht es an den steilen Aufstieg. Wie ich in einem Video festhalte welches ich oben angekommen aufnehme, gibt es doch einen Weg - auf der anderen Seite des Berges. Aber oben ist oben und das hier ist schon beeindruckend.
 
Woher stammt eigentlich der Name "Klusfelsen". Klus stammt von Klausner ab. Einem Einzelgänger oder Ermiten. Hier oben in den Bergen lebte einmal ein solcher und dieser schuf hier auch die Wohnhöhlen.
Im östlichen Bereich befindet sich das "Wohnzimmer" und die sogenannte "Kapelle" des Klausners. Leider ist hier der Weg so ziemlich versperrt. Auch werden die Felsen hier durch schwere Träger und Gemäuer gestützt um nicht einzustürzen. Im westlichen Teil ist noch eine frei zugängliche Höhle mit einem schönen Ausblick.
Überall sind Spuren von Menschen, welche hier seit hunderten von Jahren immer den gleichen Weg genommen haben müssen.
 
Die Felswände laden zum klettern ein, sind aber keinesfalls zu unterschätzen, da sie auch sehr steil sind. Hoch geht immer, runter ist etwas problematischer muss ich selber feststellen als ich von einem der Felsen wieder runter möchte.
Lars ist auf eine schmale Plattform geklettert, macht Fotos und ahmt die Geräusche eines Yetis nach. Oder Steinzeitmensch. Ich muss ihn da noch mal fragen.
 
Im östlichen Bereich finden wir auch noch einen Zugang - aber keinem weitersagen, ist ja schließlich nicht umsonst abgesperrt.
Hier ist so einiges an lustigen Felsspalten wenn man nach unten schaut. Wenn ich hier abrutsche, häng ick in so nem Ding drin wie 'n Korken und wenn die mich dann rausziehen wollen, heben die den ganzen Berg mit an. Alsoooooooo ... entschließe ich mich zu verhalten als wäre meine Frau dabei und springe nicht die 2 Meter da rüber um in der Kapelle zu landen.
Das beste an solchen Sachen ist immer - über den Rückweg macht man sich (jedenfalls als Kerl) erst Gedanken, wenn man schon IN der Kapelle gelandet ist. Oh guck mal ...Viehkacke. Im Harz soll es ja vor Luchsen wimmeln. ich möchte zwar keinem begegenen, aber hier sind sie auf jeden Fall gewesen. NEIN, kein Wolf, kein Mensch hat hier in die Kapelle gemacht. Wolf kommt hier nicht hin und für nen Menschen isses - geht zu wenig ? Naja .. es ist zu wenig für einen Homo Sapiens. Aber das sich die höchste Lebensform auf dieser Erde trotzdem nicht benehmen kann zeigen unzählige Glasscherben, leere Sechser-Träger und unschöne Anarchie-Zeichen.
Klettern macht hungrig, also zieh ich Pulli und Jacke aus und mache es mir unter den Felsen bequem.
Lars ist wie aufgezogen und klettert hier und taucht woanders wieder auf. Unsere Bilder werden sicher wieder für sich sprechen was die Umgebung hier angeht.
Ich gieß mir nen schönen Kaffee ein und dazu einen kleinen bis mittleren Schuß aus meinem neu erstandenen Flachmann. So sitz ick hier und speise bis Lars aus irgendeinem kleinen Loch im Felsen ruft um ein Foto zu machen. 
Ohne rufen hätte ich den da nienimmernich gefunden.
Auch die Zeit hier oben ist irgendwann zu ende und wir begeben uns nach unten, wo ein knallroter Stempelkasten auf uns wartet. Leider habe ich das passende Stempelheft nicht, da es sich hier um "Im Schatten der Hexen" handelt. Ich erbettle mir ein Stück Papier von Lars und pappe den Stempel als Nachweis da drauf. Mein erster Stempel nach echt langer Zeit - und ich habs vermisst.
 
Wir orientieren uns kurz nach unserem nächsten Ziel und traben gemütlich und bestens gelaunt los. "Ypsilantiquelle" ist das nächste. Langsam wird es auch auf den Wegen voller und wir begegnen mehr und mehr Leuten, vorwiegend mit Hunden.
Die Quelle liegt etwas abseits des Weges am Waldrand unweit einer Kleingartensiedlung. Ein paar Stufen führen nach unten in eine kleine Senke und dort werden wir arg enttäuscht. Wir hatten uns auf einen Quell aus sprudelndem Nass gefreut und hier ist die wohl staubigste Stelle des Waldes. Komplett versiegt und voller Laub. Über der Quelle steht ein kleiner mit "Ypsilantiquelle" beschrifteter Stein und das war's. Wir machen noch ein paar Bilder und uns dann wieder auf den Weg nach oben. Kurz herrscht eine willkommene Unklarheit darüber wo wir lang müssen, aber diese ist schnell überwunden und weiter geht es.
Etwas enttäuscht kehren wir auf den Weg zurück, welcher uns am Waldrand zu unserem nächsten Ziel, dem sogenannten Fliegerdenkmal näher bringen sollte.
 
Wir laufen auf dem Parkplatz am Auto vorbei und nochmal in den Wald hinein - auf zur zweiten Runde. Ein wenig Orientiert und wir schlagen eine Richtung ein, die mir noch nie so zusagte in den Bergen - bergauf. Zum Glück geht es aber nicht lange bergauf, bald gesellen sich Stufen dazu. Kleine feine Granitsteinstufen in millionenfacher Ausführung. Mein guter Kumpel Smeagol aus dem besten Film der Zeit "Der Herr der Ringe" sagte dazu:
"Rauf, rauf, rauf, rauf immer schön die Treppe rauf und dann kommen wir zum Tunnel"
Gut, Tunnel kam nicht, aber ick bekam ordentlich Oberschenkel und Wade und kurz vor oben auch noch kaum noch Luft. Lars war schon an einem kleinen alten Häuschen eines Wasserwerkes und ich beschäftigte mich noch 10 Minuten damit das Produkt der Photosynthese in meine Lungen zu pumpen. Schön war es hier oben. Eine kleine Lichtung, ein kleines altes Wasserwerk und Bäume. Jede Menge - ein Wald halt, aber kein Fliegerdenkmal. Ich holte mein Handy hervor und stellte fest, das wir hier oben falsch sind und gar nicht hätten hier .... egal. Wir stapften die Treppe wieder runter und bogen unten an einem kleinen Waldhaus nach rechts ab um 200 Meter weiter auf das Fliegerdenkmal zu stoßen. Warum einfach, wenns auch schwer geht. Ohne den Fehltritt hätte ich die vielen Bäume da oben nie gesehen, also - immer das positive aus einer Situation ziehen.
 
Das Denkmal steht für 6 Soldaten, die bei einem Testflug abgestürzt sind. Das Flugzeug war ein Linke-Hofmann R-Type. Das Flugzeug war vom Halberstädter Flughafen gestartet und scheinbar auch nicht weit gekommen.
Wenn man im Internet etwas recherchiert erfährt man, das dieses Flugdings über 30 Meter Spannweite und ein Gewicht von 9 Tonnen hatte. Heute kein Problem, klar, aber 1915 ? Da hatte sich die Menschheit gerade an den aufrechten Gang gewöhnt und wollte mit so eine Schrankwand den Himmel erobern bzw. den Feind besiegen. Naja ... hätte ick damals was zu sagen gehabt wäre das geld woanders hin geflossen.
 
Wir setzen uns jeder auf eine Bank vor dem Denkmal und wollen erst mal gemütlich was essen und trinken. Ick ziehe meine Jacke aus und sitze kurzärmelig da - mir ist warm.
Da sitzen wir kauend, quatschend und stellen mehr und mehr fest, wie geflickt das Denkmal mittlerweile ist. Hier und da hält Bauschaum alles zusammen und gekittet wurde auch viel.
Noch eine weile sitzen wir hier und unterhalten uns oder beobachten die Leute die hier komischerweise alle mit Hund unterwegs sind. letztlich packen wir alles zusammen und begeben uns wie immer nach einem Tag im Harz zum Auto und somit auf den Weg nach Hause.
 
Die Tour macht Spass und ist echt empfehlenswert auch mit Kindern. Passt ein wenig auf wo geklettert wird und auch auf die kleinen Glasscherben.
 
In diesem Sinne, schön, das du wieder mal virtuell hier dabei warst.
 
Silvio