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Carinhall

 
Mitte Mai war ich mal wieder unterwegs mit Lars. Ziel war eines, welches wir schon lange in's Auge gefasst hatten - Carinhall.
Benannt nach seiner verstorbenen Ehefrau erschuf Herrmann Göring hier einen Jagdsitz sondersgleichen.
 
Ganz in der Nähe zu Berlin in der schönen Schorfheide stand ursprünglich ein kleines Jagdhaus im schwedischen Stil. Dieses wurde aber irgendwann zu klein und wurde dann umfangreich um- und neu gebaut.
Mit der Zeit entsand hier ein representatives Gut in welchem höchste Gäste empfangen wurden. 
Auch hatte Göring hier seine umfangreiche (Raub-) Sammlung an Kunstgegenständen aus allerlei Ländern. Hier gibt es einige Videos im Netz, die das ganze ordentlich darstellen.
 
Heute beginnt die Tour auf einem kleinen Parkplatz an dem ein Schild steht mit Fotos und ein paar geschichtlichen Hinweisen.
Mein Kumpel Lars und ick wenden uns ab und laufen auf einem breiten Weg los. Links und rechts liegen immer wieder groß aufgestapelte Baumstämme und es riecht fantastisch nach geschlagenem Holz. Ich denke jeder kennt den Geruch und wenn man die Auge schließt, tief Luft holt und sich dabei noch in Gedanken einen absolut nervigen Zwitschervogel dazuholt, ist man ganz bei uns.
 
Es sind einige Leute unterwegs - der Altersdurchschnitt wird durch uns beide deutlich nach unten korrigiert. Aber letztlich ist das Wetter wieder mal genial und wir sind guter Dinge. Die Menschen die uns entgegen kommen grüßen freundlich und ich kenne keinen einzigen davon. Mein kleiner Blog hier muss also schon sehr bekannt sein. *Ironie aus*
 
dIE bAUMSTÄMME ::: ups .... Die Baumstämme haben interessante Maserungen und Jahresringe. Manche sehen aus wie Landkarten, andere wieder als würden drei Bäume innerhalb des Baumes wachsen. War der Baum trächtig vielleicht ?
 
Wegweiser an denen wir vorbeikommen deuten in keiner Richtung mehr auf Carinhall hin, nur noch auf Seen wie den Wuckersee. Wir laufen weiter und kommen an Tor mit zwei - hmm .. Wachhäuschen würde ich sagen. Wie damals typisch in Sandstein gebaut und bestens erhalten. 2 Häuser ducken sich hier unter den Bäumen und kommen mir vor als wollten sie sich verstecken und nicht gesehen werden.
Pech - vor dem einen sitzt eine - darf man alte Frau sagen ? Die sitzt hier vor ihrem Tisch und vertickt Marmelade und Kaffee an die Leute die sich hier alle Jubeljahre mal her verirren wie wir zwei. Wir ziehen geschmeidig vorbei, weiter den scheinbar endlosen Weg.
 
Was ich ein wenig vermisse ist das bergauf steigen. Heute tun keine Beine weh, ich hab keinen Wanderstock und die Arme baumeln völlig sinnlos an mir herunter. Krass, wie einen die Füsse so vorwärts tragen ohne das die Waden oder die Oberschenkel rebellieren. Keene Hüftpfanne quietsch. Genug davon.
 
Nach ca. 300km kommen wir an eine kleine Holzbrücke mit einem - nein - keinem Fluss darunter. Ausgetrocknet, still gelegt oder umgeleitet. Jedenfalls kein erquickendes Wasser. Aber eine riiiiiiiesen Klamotte dahinter auf grünem Rasen.
Darauf steht "Judenstein". ich habe bis heute nicht herausgefunden warum dieser Felsen so heisst. Wenn hier jemand aufschlussreiche Informationen hat, wäre ich sehr dankbar.
Jedenfalls sind wir schon ein paar Meter gegangen und wundern uns, das wir noch immer nicht da sind. zudem sah es nicht aus, als würde der Weg so viele Kurven haben zu unserem Ziel.
Wir zücken die Handy's, schauen auf die Karte und bestimmen anhand der Windrichtung und dem spekulativen Stand des Mondes unsere Position und stellen fest, wir sind in die falsche Richtung gegangen, wir hätten in den Wald gemusst.
Na gut .... wir kennen den Weg und machen uns auf den Rückweg.
 
Als wir an der alten Frau vorbei kommen werden die Geldkatzen gezückt und man tauscht die eine oder andere glänzende Münze gegen Marmelade und wohltuenden Kaffee aus Platikbechern - mitten im Wald ... ohne Mülleimer.
Nun gut ...
 
... a few moments later
 
Wir sind zurück am Parkplatz, lassen die Jacken im Auto und begeben uns auf den klitzekleinen Waldweg der da hinter dem Schild schemenhaft angedeutet ist. Es ist wie ein Weg-Irrgarten. Keine Hecken zwar, aber unzählige Wege die mal hierhin und mal dorthin führen.
Immer wieder kommt man an Stellen an denen gegraben wurde. Stellenweise tiefe Löcher weisen auf den sagenumwobenen Bunker hin den es hier geben soll. Angeblich soll einer davon einen Ausgang zum Wuckersee haben. HIer konnte Göring angeblich aus dem Tunnel heraus mit einem Wasserflugzeug flüchten. Ob das stimmt weiß ich nicht, aber es soll wohl tatsächlich zu beiden Seen jeweils einen Augang gegeben haben.
 
Wir jedenfalls finden keinen von beiden, sondern landen an einem der Seen. Es ist schon schön hier. Es ist ruhig, das Wasser plätschert leise an's Ufer und wenn man jetzt die Augen schliesst und sich - nein, hatten wir schon. Zudem fehlt hier der komische Vogel, hier gibt es nur eine Möwe, die ich versuche ordentlich vor's Objektiv zu bekommen. Wir bleiben eine Weile und machen uns dann auf den Rückweg.
Leider ist hier wirklich nichts mehr zu sehen. Ganze arbeit die hier geleistet wurde.
Es geht hier nicht um das Nazitum was hier mal stand, sondern eher darum wie es gewirkt haben muss auf einen Besucher. Wie wir wissen - Göring (oder Meier? ) wusste was es hieß Eindruck zu schinden.
Nachdem wir uns weiter durch das Unterholz kämpfen stehen wir plötzlich genau an der Stelle an dem die Navigation das Fähnchen auf dem Display zeigt wo Carinhall gestanden haben soll.
Enttäuschend - es ist nur noch ein Rasenberg. Gesäumt von Birken und Lärchen. Hier und da mag man einen Ziegel sehen oder etwas Beton, sonst nichts.
 
Lars ist noch weiter ins Unterholz und ruft auf einmal nach mir. Ich gehe hin und er hat einen halb zugeschütteten Eingang gefunden. Kalte Luft kommt aus dem schwarzen Loch, so das es doch ein wenig fröstelt.
Ich leg meinen Rucksack ab und klettere rein um mal zu schauen, ob und wie weit man rein käme. Ich knie mich also da rein und was passiert ? Es ist immernoch kalt UND ... mit dem Rücken muss ich an den Rand des Loches gekommen sein, jedenfalls rieselt mir langsam aber stetig ein halbes Kilo Sand in den Schlüppa. Ick muss hier raus und finde das nicht so ImPoSand. 
Ein halbes Kilo ist vielleicht übertrieben aber spielt ja keine Rolle. Es gibt halt so stellen ... na muss halt nich sein wa.
Letztlich ist nichts zu sehen weiter und wir verlassen den Bereich wieder in Richtung Auto.
Auch hier auf dem Rückweg immer wieder Löcher, Betonreste und Ziegel aber man sieht keine Menschenseele weiter.
 
Am Auto angekommen machen wir uns auf die Rückfahrt nach Hause und reden noch eine ganze Weile über das Objekt Carinhall.
 
 
Carinhall wurde kurz vor Kriegsende auf Anweisung von Göring von deutschen Soldaten mit angeblich 40 Fliegerbomben gesprengt.
Lange Zeit war das Gelände Sperrgebiet und ich möchte nicht wissen, ob und wie lange hier noch im nachhinein Planierraupen fuhren.Letztlich sollte nichts mehr an den Prunkbau des 2. Mannes im Deutschen Reich erinnern.
 
Interessant fanden wir beide die Birken dort. Ja - einfach mal Birken. Man kennt die Bäume in ihrem kontrastreichen schwarz-weiß. Die Birken dort schienen ur-alt. Da war kein weiß mehr, sondern nur grau. Grau-Schwarze Birken die da standen als wären sie hunderte von Jahren alt.
 
Ich wurde wieder mal als Nazi betitelt als hiervon Fotos rum gingen, aber he .... viel Feind, viel Ehr.
 
Vielen Dank, das du dir die Zeit genommen hast, hier wieder mal vorbei zu schauen - oder auch zum ersten mal einen meiner kleinen Berichte zu lesen.
Bleib gesund und vielleicht liest man sich ja mal wieder.
 
Silvio