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Kaffee auf der Zeterklippe (HWN10)

Mittlerweile ist März im Jahre 2020. Der Winter war - hmm .... nicht wirklich vorhanden. Seit langem fallen die Temperaturen kaum noch unter den Gefrierpunkt und Schnee kenn ich nur aus dem Kühlschrank.

Irgendwann am Anfang des Jahres rief mein alter Kumpel Lars an und verkündete, dass er vorhatte ein weiteres Jahr zu altern und er möchte doch unbedingt zu seinem Geburtstag mit seiner Frau, Andre und Ole (der seinem Spitznamen der Kichererbse alle Ehre machte ) und meiner Wenigkeit oben auf der Zeterklippe im Harz einen frisch gebrühten Kaffee trinken. Meine Frage, ob er sich nicht was anderes tolles wünschen kann wurde ignoriert und ausgeblendet und auch spätere Anrufe die das Ziel hatten ihn von seinem Vorhaben abzubringen blieben Erfolglos.

 

Also machten wir den 8. März fest und ich war wie immer voller Vorfreude. Doch damit nicht genug - nein. Den Kaffee trinkt man dort oben ausschließlich früh. Sehr früh. Also eigentlich nur zum Sonnenaufgang.

Ich glaube, nicht viele können sich vorstellen, was hier für Strapazen auf einen zukommen.

Die Strecke an sich ist nicht weit. Aaaaaaaber ...

   - früh nachts um 2 Uhr wird man abgeholt

   - es ist Regen angesagt und Schnee. Ich mag Schnee. Ordentlich viel muss es sein und jedes mal wünsche ich mir, ich wäre ein Bär. Der würde erst in 4 Wochen so langsam aufwachen.

   - Ich hasse Schnee .... ich kann kalt überhaupt nicht leiden

   - ist man im Harz am Start angekommen merkt man, das der Kreislauf noch zu Hause im Bett liegt und sich mit der Motivation vergnügt

   - Lars ist einer der optimistischsten Wanderer die ich kenne und ich kenne wirklich wenig Wanderer. Bis zum Ziel 2,5 Stunden ansetzen ist mutig wenn man mich dabei hat, aber wir werden sehen.

 

Ich mache mich also kurz vor zwei Uhr NACHTS mit Rucksack und einem Knüppel in der Hand auf dem Weg durch unser Treppenhaus nach unten. Kurz kommt mir der Gedanke, mit dem Stöckchen etwas an der Wand langzuschaben. Verbanne diesen aber schnell zugunsten des häuslichen Friedens. Ich bin ein netter Nachbar.

Pünktlich fährt die Bande vor und ein strahlender Lars steigt aus. Ich gratuliere ihm erneut und steige ein. Im Auto begrüß ich die anderen drei und staune wie groß der Bengel geworden ist, der damals mit auf die Roßtrappe ist und nur am gackern war. Ich glaube er hat mich recht schnell wieder erkannt, jedenfalls erkenne ich das kichern und schnalle mich an. Ab geht's.

 

Die Autobahn ist leer und wir kommen bestens voran. Je näher wir dem Harz kommen, desto mehr Tiere können wir sehen. Füchse am Rand vom Strassengraben und etwas flacher auch auf der Standspur. Hoffentlich kommt hier nicht noch 'ne Rotte Wildschweine langgallopiert. Aber wir haben Glück und nichts rennt uns vor's Auto. Schnee ist auch keiner zu sehen und meine Augenlider sind schwer.

 

Von der Autobahn runter geht es auch gleich bergauf und bergab als plötzlich ein Reh vor uns auf die Straße rennt. Vielleicht hab ich es ja mit den Augen aber das Vieh war so groß was da vor uns her rannte das ich gleich eher an ein Alpaka oder Lama mit einer Schulterhöhee von 2,30m denken musste. Irgendwas musste es entdeckt haben, jedenfalls brach es dann nach rechts weg und verschwand wieder im dunkeln.

 

Dank Navigation und vier verschiedenen Meinungen kamen wir wohl behalten am Parkplatz an, lösten ein Parkticket für 5 Euro und den ganzen Tag und machten uns abmarschbereit.

 

Ich hab gleich meine Komoot App angeschmissen und das Ziel eingegeben und sofort plärrte die total natürlich klingende Frauenstimme durch die Nacht: "In 80 Metern links abbiegen in die Großmutterrodelbahn". Instinktiv hielt ich mir den Mund zu, was natürlich nichts brachte und sah mich um ob irgendwo ein Fenster aufgerissen wird um uns mit alten Kartoffelschalen zu bewerfen.

 

Das tolle an der Tour war - oder ist. Es gib kein bergauf und bergab hier. Es geht nur bergauf. irgendwas um die 8% für die nächsten sechs Kilometer. Schon mal stetig bergauf gelaufen ? Das ist soooooo anstrengend. So nervig. Ich will an's Meer.

 

Es war rutschiger als gedacht aber dafür lag kein weißes Pulver rum, was mich ungemein glücklich machte. Wie immer war nichts zu hören. Kein Tier ließ sich sehen oder hören. Nur unsere Kopf- oder Taschenlampen zuckten mal hier und mal dorthin und rissen den Wald aus der Dunkelheit.

 

Auf ungefähr der Hälfte machten wir eine Pause um etwas zu essen und zu trinken. Ab hier lag dann auch der so vermisste Schnee. Es war überschaubar mit höchstens 10cm, aber stellenweise festgefahren und getreten, so das es glatt wurde. 

Ich hatte mir in der Woche neue Spikes bestellt und zog die jetzt über meine Schuhe. Wer im Harz wandert sollte sowas immer dabei haben meine ich, es macht einfach den Tritt sicherer und man läuft nicht wie auf rohen Eiern.

 

Unser Weg führte uns weiter durch den Wald und später auf einer Straße immer weiter nach oben. Der Schnee wurde auch mehr und ich merkte erst wieviel von dem Kram hier lag, als wir uns wieder in's Unterholz schlugen. Stellenweise waren es 50cm und vom Weg abkommen hieß meisstens zu versinken und den Schnee noch mehr zu verfluchen. Der absolut einizige Vorteil von Schnee den ich sehe ist das Bild das er in einen Wald zaubert. Bilder davon habe ich unten mitgebracht. Eines dieser Bilder sendete ich per Nachricht an eine Gruppe die sich das Family nennt. Auch mein Bruder ist hier zugegen und er ist einer sag ich euch - er gibt mir immer wieder Kraft und bringt mich dazu weiter zu machen. Ich habe ein Bild geschickt und dazu geschrieben das hier 50cm Schnee sind. Ich gehe eigentlich davon aus, das man weiß was ich damit meine, doch was kommt von ihm ? "50cm sind doch aber recht übersichtlich, hab dich mal nicht so." Ganz knapp war ich davor zusammenzubrechen und nen Schnee-Teufel zu machen. Brüderchen, ick liebe dir für deine Art und deine stets aufmunternden Worte - Danke.

 

Hier und da wurde der Weg richtig schmal und weil das ja nicht reicht, schmeißt sich der Harz hier und da dann noch Bäume über ebendiese Wege und lacht sich schlapp, wenn solche wie wir mitten in der Nacht da lang stolpern. Stolpern ist hier ein tolles Stichwort. Ich liebe meine Übergänge und muss mir hier mal kurz selber auf die Schulter klopfen.

 

Bei einem dieser quer über unserem Weg liegenden Bäume war ich fast drüber - nein ich war drüber. Ich zog das rechte Bein nach und wollte weiter vorwärts, als sich meine Spikes im linken Hosenbein verfingen. Jeder kennt es, wenn man genau weiß, man ist diesem kommenden Sturz hilflos ausgeliefert, rudert aber trotzdem wie bescheuert mit den Armen. Nunja ... ick hab mich dann voll hingepackt, da sich der Fuß, der eigentlich vorne stehen sollte, ordentlich in meiner Hose eingeankert war und sich weigerte dort loszulassen bis ich im Schnee lag. Mit dem rechten Arm bis zum Ellenbogen im Schnee steckend konnte ich es gerade noch vermeiden,das auch mein Gesicht dort eintauchte. Ich sortierte meine Gliedmaßen, stand auf und was mussten meine Ohren hören ? Dieser blonde Bengel vor mir war am kichern und keckern und lief freudig weiter anstatt einem alten Mann mal aufzuhelfen. Blöd ist, das man auch noch mitlachen muss bei sowas, auch wenn man gar nicht will. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach, wa.

 

Wir waren fast am Ziel, aber bei mir machte sich mehr und mehr Lars seine Raucherlunge bemerkbar. Wir kamen an einer kleinen Skihütte vorbei, in der aber scheinbar keiner zu Hause war. Hier mittem im Wald möchte ich aber auch nicht wohnen. Allein den Einkauf hier hoch zu schleppen - nein Danke.

 

Geraume Zeit später hörte man Lars von vorne rufen das er ja dort etwas sieht und ich war sicher, das wir am Ziel waren.

 

Vor uns schälte sich ein Felsen zwischen den Bäumen hervor. Ein Schild mahnte "Betreten auf eigene Gefahr" und dahinter führte eine steile Leiter nach oben auf den Felsen. Alle man hoch da. Und hier war dann auch Wind und zwar ordentlich. Hier oben Kaffee aufbrühen mit Feuer und so war unmöglich, dafür gab es einen fantastischen Ausblick, ein paar rutschige Felsen und nen kalten Kopp.

 

Der Brocken gegenüber war komplett in Nebel gehüllt. Hatte aber auch was ansehnliches an sich. Ich denke, wenn hier klare Sicht ist, kann man richtig weit in's Land schauen.

Die Sonne war hinter den Wolken zu sehen, kam aber auch nach 10 Minuten warten nicht hervor. So beschlossen wir noch ein Gruppenfoto zu machen und dann ging es auch schon wieder an den Abstieg.

 

Unten schmiss sich Lars auf einmal in den Schnee und ruderte mit Armen und Beinen um einen ganz tollen Lars-Schnee-Engel zu machen. Nur aufstehen ging dann nicht ganz ohne meine Hilfe.

Der Weg nach unten war dann einfach und schnell hinter uns gebracht. Auch die ersten anderen Touristen die da hoch wollten kamen und schon entgegen und mit einem freundlichen "Frisch auf" waren wir auch schon wieder vorbei.

Am Parkplatz angekommen war ich dann doch froh, das ich endlich sitzen konnte und freute mich auf zu Hause.

 

Ich freue mich, das du auch hier wieder an meinem kleinen Ausflug teilgenommen hast. Ich hoffe es hat dir gefallen.

"Frisch auf !" - Silvio