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Das Buch

Kapitel 2. "Erste Schritte"


Es ist drei Uhr früh und ich platziere meine Reisetasche im Kofferraum der kleinen A-Klasse. Die Kühlbox kommt in den Fußraum des Beifahrers und wird am Zigarettenanzünder hinten angeschlossen. Das leise summen des Lüfters breitet sich aus, welches mich die ganze Fahrt über begleiten wird.

Oben sind 2 Fenster dunkel und an einem steht mein Schatz. Ich kann hier unten nicht erkennen ob sie lacht, weint oder mir die Zunge rausstreckt. Von den Kindern habe ich mich bereits am Tag vorher verabschiedet. Dem einen schien es egal, das andere will das ich schnell wiederkomme. Ich winke und steige mit einem lachenden und einem weinenden Auge ins Auto.

Motor an, Gang, Kupplung – los geht’s. Nach 300 Metern bleibe ich bereits stehen. Tanken. Ich unterliege wieder und wieder einer gewissen Faulheit und somit war ich am Tag vorher nicht tanken, sondern freue mich jetzt, dass ich an dieser Tankstelle heute erster bin. Der Zapfhahn schnappt zu und unterbricht abrupt den Fluss des Knallsaft’s. Ich gehe rein, hole mir noch einen Kaffee, bezahle, überlege ob ich das jetzt wirklich machen soll und steige wieder in die bronzene Knutschkugel.

Auf geht’s. Autobahn A10, A15, A-irgendwas, Grenze. Ich brauche etwas um mich daran zu gewöhnen das ich von meiner allgemeinen Reisegeschwindigkeit, die sich immer in einer Grauzone befindet, runter muss auf 30km/h um die Grenze ungeschoren zu passieren. Es sind zwar Grenzer zu sehen, aber die winken einen lässig durch.

Yes … ich hab’s geschafft und keiner hat geschossen. Gut das die Zeiten auch vorbei sind. Ich bin auf der A18 in Polen. Ich darf hier 70km/h fahren. Ich seufze ganz kurz und ergebe mich meinem Schicksal. Nach ungefähr 10km weiß ich warum hier 70km/h sind und revidiere meine Meinung, dass das viel zu wenig ist.

Dieser Teil der Autobahn hat keine Maut. Sie gehört … dem Staat? Irgendwem? Jedenfalls fehlt hier scheinbar das Geld zur Schadensbehebung. Ich bin gerade einem Schlagloch ausgewichen, da hätte ich mein Auto drin parken können.

Der erste Schreck ist vorbei. Ich fahre auf den zwei Spuren die es gibt auf der rechten. Der Tacho zeigt gute 50km/h an. An mir rauschen die LKW’s mit einem affenzahn vorbei. Klar, denen bricht im schlimmsten Fall ‚ne Achse. Fall ich in so ein Loch – da findet mich niemand.

Nach einigen Kilometern war die Autobahn dann so wie sie eigentlich sein sollte. Eben, glatt und leise. Auch durfte sich das Gaspedal etwas mehr dem Unterboden nähern. Ich beschleunigte auf utopische erlaubte 110km/h und legte noch mal 10 drauf. Weit und breit niemand der die Frontscheibe nach einer Mautplakette absuchte. Ich klemme den rechten Fuß nach hinten unter den Fahrersitz, drehe die Musik lauter und versuche mit einer imaginären Fliegenklatsche den Engel zu erwischen der die ganze Zeit flüstert „keine Maut, Ausland, Polizei, Gefängnis, Zuchthaus“. Ich habe ihn nie getroffen, also fahre ich kurz vor Wroclaw (ehemals Breslau) von der Autobahn runter und in die Stadt.

Meine Mutter erzählte immer wie schön Breslau sein muss und ich soll da unbedingt hin und mir das anschauen. Ich aber – ich bin hier in Wroclaw, attackiere den erstbesten Geldautomaten mit meiner PIN und versuche an einer Tankstelle zu ergründen, was es mit der geheimnisumwobenen Maut hier auf sich hat. Gut … 200 Kilometer hinter der Grenze ist mein polnisch noch nicht so gut und ihr deutsch war wohl nie besser. Wenn ich die Zeichensprache richtig deute, soll ich wieder auf die Autobahn und weiterfahren. Was nehme ich mit? Mein erstes scheinbar sinnvoll einsetzbares polnische Wort. TAK. Tak ist gut und sie hat es oft benutzt. Tak heißt Ja. Gut das ich nicht weiß was Nein heißt. Wenn mich jemand nach der Maut fragt kann ich nur Tak.

Das Thermometer zeigt 20 Grad am Morgen. Ich setz mich hinter das Steuer und fahre los. Nein – verfahre mich gnadenlos in der wunderschönen Stadt Wroclaw von der ich nun weiß, dass die Staus hier genau so bekloppt sind wie bei uns.

Ich überhole zum bereits zum zweiten Mal einen blauen Volvo der seit 20 Minuten vor mir von Spur zu Spur springt um an gefühlten 2000 Autos vor uns vorbei zu kommen. Als ich neben ihm bin sehe ich in das verbissene Gesicht einer jungen Frau, winke und denke, wenn du jetzt nicht so dämlich aussehen würdest, wärst du bestimmt recht hübsch. Sie schaut herüber und zeigt hysterisch nach vorn. Ich lächle und fahre 30 Zentimeter weiter vor als sie.

Nach einer Ewigkeit habe ich den Ausgang gefunden und befinde mich wieder auf der A4 in Richtung Krakau. Ich habe neuen Mut gefunden und die Maut kann mich mal gerne haben.

Ich lasse die Stadt auf er A5 hinter mir und fahre von hier auf die A4 – meine A4.

Hin und wieder klingelt jetzt mein Telefon. Meine lieben von zu Hause rufen an und wünschen mir alles Gute zum Geburtstag. Später sind es meine Eltern, mein lieber Cousin und mein Tantchen aus meinem schönen Sachsenland. Mein verrückter Bruder schrieb wie jedes Jahr pünktlich um eine Minute nach Mitternacht bereits seine Glückwünsche. So vergeht die Zeit und man hat ab und an jemanden zum Quatschen, wobei ich die Zeiten in denen ich völlig allein bin auch genieße.

Ich habe die erlaubte Geschwindigkeit gerade wieder erreicht als mich ein Schild auf 80km/h herunter bremsen lässt. Es folgen derer noch weitere – 60km/h, 50km/h bis zu 30km/h. Vor mir erscheint eine Brücke welche die komplette Autobahn überspannt. Darunter kleine Häuschen wie an der Grenze. Schranken versperren den Weg ins Landesinnere. Eine Mautstelle. Mir wird heiß und kalt. Panikartig suche ich nach einem Fluchtweg. Ich habe keine Maut bezahlt. Mein Leben läuft bereits vor meinem inneren Auge ab. Die anderen Autos auf der nun 8-spurigen Autobahn scheinen das Schild mit den 30km/h nicht gesehen zu haben. Links und rechts wird an mir vorbeigefahren als gäbe es kein Morgen mehr. Alles was dann an mir vorbei ist spielt vor mir „Ob du wirklich richtig stehst.“ Nur ohne Licht welches die korrekte Antwort anzeigt. Hauptsache Erster, ganz vorne. Ich fahre unsicher an die kleine Hütte doch die ist leer. Lediglich ein Knopf. Ich drücke drauf und heraus kommt ein Mautschein. Keine Policja. Keine Handschellen, nix. Ich schnapp mir den Zettel und vor mir geht die Schranke auf. Freiheit, Fuß aufs Gas. Den Zettel hüte ich wie einen Schatz und klemme ihn unter die Sonnenblende.

In Katowice mache ich eine kurze Pause für ein kleines Nickerchen und einer kurzen Nachricht nach Hause.

Der restliche Weg nach Krakau ist gesäumt von Feldern, guter Musik im Ohr, einem offenen Fenster und einem linken Arm der sich farblich mehr und mehr vom rechten abhob.

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