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Danzig

Frisch gestärkt nach einem unterschlagenen Frühstück hier  machte ich mich auf den Weg nach Danzig. Auf die Stadt freute ich mich. Besonders auf die Danziger Bucht sowie die Marienkirche.
Da ich in Danzig auch noch auf die Westerplatte ging unterteile ich beides in diesen Teil von Danzig und in den der Westerplatte.
 
Über Slupsk und Lebork (ehemals Lauenburg) erreichte ich nach gut 2 Stunden 30 Minuten die riesige Stadt Danzig.  Die Stadt machte Eindruck. Durchzogen vom Fluss Martwa Wisla gab es hier neben den Bauten der Neuzeit auch eine prächtige Altstadt.
Gerade am Fluss entlang fand ich ein Viertel, welches aussah wie das Potsdamer Holländerviertel. Haus an Haus schmiegten sich hier aneinander mit den typischen Fensterläden. Viele Boote luden hier die Touristen ein und aus zu Preisen, nach denen ich mich nicht erkundigte. Hier am Fluss waren hunderte von Leuten unterwegs. Ein buntes Treiben in Hinsicht auf Klamotten und Sprach-Wirrwar. Die Polen die hierhin und dahin hasten, Menschen aus Richtung Holland bei denen ich immer an Alfred J. Quak denken muss, Russen die man oft lautstark schon von weitem hörte und mitten drin - icke. Eine ganze weile ließ ich mich mittreiben mit den Leuten. Riesige Hafenkrane oder auch Hafenkräne konnte man sehen wo Im- und Export scheinbar boomen. Hin und wieder aber auch kaputte, eingefallene Hallen an denen und in denen sich Sprayer versucht hatten. Die Bilder - naja ... im Rahmen ihrer Möglichkeiten haben die Jungs und Mädels sicher alles gegeben aber es gibt ja auch noch genug Fläche zum üben. Gegenüber meiner Position befand sich die baltische Philharmonie. Auch alles roter Backstein. Etwas für's Auge.
 
Nach einer weile merkte ich das ich schon eine ganze Weile unterwegs war, denn mein Magen war der Meinung, jetzt ist Zeit für die wichtigste Mahlzeit des Tages - Mittag. Am Hafen hier fand ich nichts was mich ansprach, also ging ich in Richtung Innenstadt, passierte dabei ein Bogentor und fand dahinter eine kleine feine Gaststätte und einen freien Platz für einen durstigen Wanderer. Ich glaube ich bin in einem Alter angekommen da fragt man sich dann doch ab und an, schwitzt du wegen der Hitze - wohlgemerkt, 35°C im Schatten - oder sind es bereits die Vorboten der Wechseljahre ? 
 
Als die schwarzhaarige, komplett zutätowierte Kellnerin kam grüßte ich mit einem freundlichen "Dzień dobry". Auf meinen Fahrten hatte ich lernen müssen, das unser gutgemeintes "Guten Tag" sicher immer in bester Gesinnung kommt, aber oftmals die Türen eher schliesst als öffnet. Also merken - anderes Land, andere Sitten und andere Sprache. Durch mein selbstverständlich akzentfreies polnisch dachte die kleine ich verstehe was sie sagt als sie mir die Speisekarte offerierte. Ich saß da, wartet bis sie fertig war, nahm ihr dann das lederummantelte Pappheft aus der Hand und bestellte einen Eimer Cola. Später gesellte sich dann noch ein schönes Stück Fleisch mit Kroketten und Salat dazu. Ich bin zwar nicht der größte Freund vom Essen meines Essens aber bei der Wärme schmeckte selbst der Salat großartig. Nach dem essen lehnte ich mich satt und zufrieden zurück, zündete mir eine Zigarette an und bezahlte meinen kulinarischen Ausflug.
Jetzt sehe ich gerade den ein oder die eine oder andere oder anderen mit weit aufgerissenen Augen, runter geklappter Kinnlade und Fragezeichen überm Kopf. "Ich denke du hast aufgehört", "Wie kannst du denn nur ?" Kommt runter meine lieben, ich habe natürlich nicht geraucht. Irgendwo habe ich mal gelesen, man soll kleine Schreckmomente in seine Geschichten, Fabeln und Märchen einbauen um den Leser "bei der Stange zu halten". Ich erhoffe mir damit, selbiges erreicht zu haben.
 
Jetzt steuerte ich mein eigentliches Danziger Ziel an. Die Marienkathedrale. Irgendwo glaube ich habe ich bereits erwähnt das es mich fasziniert, wie man so etwas mauern konnte. Da staunte ich schon bei der Reiseplanung, als ich dank einer mittelgroßen Suchmaschine ein kleines gelbes Männchen/Weibchen/EinOhneIrgendwas mit der Maus auf die Karte fallen ließ und direkt vor der Kirche stand. 
Heute stand ich live und in Farbe davor und war völlig baff wie groß dieses relegiöse Monster ist. Waaaaahnsinn. Wer mal in Danzig ist oder plant dorthin zu fahren oder auch nur daran vorbeizuschrammen .... haltet dort an, es lohnt sich. Warum ? Pass auf.
 
Durch eine doppelflüglige Seitentür gelangte ich ins Innere. Ein Schild machte darauf aufmerksam, bitte leise zu sein. Ein Schildbürgerstreich nehme ich an. In der Kathedrale befanden sich mehrere Schulklassen und dazu noch Dutzende andere Besucher. Das Ding ist komplett aus Stein und schenbar tausende von Metern hoch. Hier echot selbst der kleinste Furz noch mindestens acht mal an der Sakristei vorbei. Ups - ein Reim. Also .. leise ist hier ein Ding der Unmöglichkeit. In die Kathedrale sollen 25.000 Menschen passen. Das muss man sich mal vorstellen. Wir haben auf Arbeit einen Fahrstuhl, da passen ..... hmm ... der Vergleich hinkt. Jedenfalls zählt die Kirche der Dom als größter Backsteindom der Welt.
Geschichtsunterricht. An dem Gotteshaus baute man von 1343 bis 1502. Wenn man das ausrechnen würde, käme man auf 159 Jahre. Jetzt lass die Leute damals um die 60 Jahre alt geworden sein. Drei Generationen ? Drei Generationen haben da gewerkelt ? Ich habe da angefangen zu bauen und habe niiiiieeeeemals gesehen wie das Ding fertig aussieht ? Krass. Am Ende sollte das Schiff 105 Meter lang und 66 Meter breit sein und wunderschöne Netz-, Kristall und Kreuzgewölbe haben, welches sich in knapp 30 Meter Höhe abzeichnet. Der Turm ist gute 78 Meter hoch.
Leider wurde das gute Stück - wie so vieles im zweiten Weltkrieg - schwer beschädigt. Nach dem Krieg wurde sie nach und nach wieder aufgebaut, Kunstschätze kamen hierher zurück und neue kamen weiter dazu. Heute steht die Katrhedrale in voller Pracht mitten in Danzig und man kommt eigentlich nicht daran vorbei.
 
Was man schnell merkt ist, das es jetzt eine katholische Kirche ist. Alles ist prunkvoll und groß und vergoldet. Bis 1945 war die Kathedrale nämlich evangelisch. 
Ich stehe vor einem komplett goldenen, dreiteiligen Triptychon, dahinter ein 6 oder 8 Meter hohes, buntes Bleiglasfenster. Ich überlege - wenn ich nur den linken Teil des Triptychon's mitnehme habe ich ausgesorgt. Ich kann nicht genau sagen, wer mir dann auf den Hintgerkopf geknallt hat - Engel oder Teufel, aber der Gedanke ging weiter. Wie willst du diesen Teil denn tragen wenn das 2 Tonnen wiegt ? Und gleich darauf kamen Bilder. Der rechte 2000 Kilo leichte Teil des Altargegenstandes liegt im Kofferraum meiner A-Klasse. Jedenfalls zu einem Drittel, der Rest hängt halt hinten raus. Nicht schlimm ... kommt n rotes Fähnchen dran. Doch mein Auto scheint ein weiteres Problem zu haben. Ist es hinten jetzt schön schnittig flach über dem Boden hängen vorn die Räder auf 1,60m Höhe. Daraus resultiert das ich nicht genug Grip auf der Strasse habe und hier gar nicht weg komme. Eine Backpfeife von Engelchen und Teufelchen holt mich wieder in die Realität zurück. Mich fröstelt etwas - es ist echt frisch hier drin.
Ich komme an einem Jesus vorbei, welcher traurig auf einem Stein sitzt und den Kopf in die rechte Hand gelegt hat. Wenn man Jesus immer nur am Kreuz gesehen hat und hier jetzt sitzend wirkt es surreal und man bleibt automatisch gerade hier etwas länger stehen.
Auch sollte man auf den Boden achten. Ich weiß nicht ob es Grabsteine sind, aber der Boden ist gepflastert mit Steinen mit Inschriften. Viele davon kann ich lesen, denn sie sind auf deutsch. Einige andere sind bereits so ausgetreten, das man nur noch den gemeißelten Rahmen sieht. Überall an der Seite stehen Reliquien und kleine Bänke zum drauf knien und Kästchen zum spenden. In der Mitte stehen die üblichen Holzbänke, ausgerichtet zum Altar, bereit für hunderte von Leuten.
 
Ich will schon gehen, da sehe ich in einer Ecke eine Frau an einem Schreibtisch, welche meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Nicht weil sie hübsch ist oder wild nach mir winkt. Nein. Der Schreibtisch passt hier so nicht hin.
Die gute Frau knöpft mir 10 Zloty ab und sagt, ich bin jetzt prädistiniert um auf den Turm hinauf zu gehen. 
Also geh ich durch die Tür und finde mich in einem Gang wieder der - natürlich - nach oben führt. Allerdings ist der so klein und schmal, das man den Kopf einziehen muss. Alle 10 Stufen ist eine Zahl an die Wand geschrieben. Halt denke ich. Wenn die hier die Zahlen ran krickeln, heisst das doch bestimmt nix gutes. Ich bin bei Stufe 50 angekommen und guter Dinge. Der Kopf setzt kurz ein und zeichnet folgendes. 78 Meter hoch. Die Stufen ... lass die im Schnitt 15 Zentimeter hoch sein. Man könnte jetzt ein kleines Grinsen in meinem Gesicht sehen. Das ist allerdings nicht einer sich ausbreitenden Freude anzulasten sondern eher einer ausbrechenden Hysterie. Leute ... wenn das so stimmt sind das 520 Stufen. Ich bin bei 50. FÜNFZIG. Das ist zehn mal soviel.
Wieder mal eine Situation für die Fötusstellung und sich selbst weg wünschen. Zurück geht aber nicht ... das Treppenhaus hier ist eine Einbahnstrasse. Ick könnte heulen. Zehn Zloty. Jetzt weiss ich warum die so gegrinst hat als sie mir die Eintrittskarte gab. Wozu eigentlich Eintrittskarten ? Sitzt hier nach 100 Stufen einer in einer Fensternische und kontrolliert ? Ist die essbar falls man es nicht bis hoch schafft und am verhungern ist ?
Gut ... ich weiß nicht wieviele Stufen es waren, aber nach gefühlten 1000 gelange ich in einen Teil des Turmes, der gerade restauriert wird scheinbar. Absperrungen und weiter hinten Treppen eines Gerüstes immer an der Wand lang. Es wird also moderner.
Ich stütze mich auf ein Geländer um wieder kontrolliert atmen zu können. Neben mir stoppt ein Kerl und man kommt ins Gespräch. Er schlägt vor, das wir uns abwechselnd nach oben tragen. Kurz überlege ich  und stelle fest, das ich mit meinem Kadaver an sich schon genug Kummer habe den nach oben zu bekommen. Jetzt noch den Tschechen auf'm Buckel ? Ich lehne seinen Vorschlag lächelnd aber konsequent ab und so laufen wir beide weiter. Er vorneweg und ich knapp hinter ihm. Der Abstand nimmt linear zur Höhe zu und bald bin ich wieder allein und lausche meinen Schnaufgeräuschen. Fast ganz oben geht es durch oeine schmale Luke dann nach draussen. Ein kleiner Junge ist überhaupt nicht mit der Idee seiner Eltern einverstanden, dort jetzt durchzu gehen und macht das lautstark jedem kund.
Ich treffe den Tschechen wieder und gehe vor ihm durch die Luke. Wundervolle Wärme empfängt einen und trotz mangelnder körperliche Leistung gerade ist wieder Tauwetter für Dicke angesagt.
Dafür entschädigt dieser Ausblick. Kilometerweit kann man sehen. Ein prima Überblick über Danzig's alten und neuen Teil. Zwar sind die Oberschenkel der Meinung jetzt brennen zu müssen, aber das hier hat sich auf jeden Fall gelohnt. Meine Empfehlung.
Es wird immer voller hier und es gibt nicht unbegrenzt Platz, also wende ich mich zum gehen.
Über die Rüstungstreppen kommt man gut voran und hat genug Platz entgegenkommenden auszuweichen. Irgendwann trennen sich hier allerdings die Wege und der meine führt hinter eine polnischen Familie her. Wir tauchen wieder ab in den schmalen Gang mit eingezogenem Kopf und den Blick vor sich auf die Stufen. 
Wir sind bereits ein gutes Stück runter, als jemand vor mir auf die fantastische Idee kommt einen fahren zu lassen. Ick stehe auf einmal in einer Wolke übelster Flatulenz. Ich atme flach und unkontrolliert und weiß das alles mal vorüber geht. Doch der Furz der hält sich an den Wänden fest und will nicht verschwinden. Jedenfalls ein tolles Erlebnis. Unten angekommen schaue ich mir noch das riesige Taufbecken an und wende mich dann langsam zum gehen von hier.
 
Da es bis zum Konzentrationslager Stutthof nicht weit ist, entschliesse ich mich etwas außerhalb der Stadt jetzt ein Bett zu suchen. Schnell werde ich fündig und buche Zimmer + Frühstück.
Als ich ankomme wird mir mein Zimmer gezeigt, welches echt schick war und dann gibt es unten im Restaurant noch etwas leckeres zu essen.
Das schönste jedoch an dieser Unterkunft war die Nähe zum Strand. Keine 50 Meter und man war an dem breiten, leeren Sandstrand.
Hier ging ich am späteren Abend noch einmal hin um bei einer kleinen Flasche Bier den Sonnenuntergang zu genießen und den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen.
 
An dieser Stelle klingt auch meine Erzählung von Danzig aus. Wenn ihr mal Urlaub machen wollt - fahrt nach Danzig. Die Leute sind nett und freundlich, der Strand ist breit und sauber und der Sonnenuntergang .... unbezahlbar.
 
Silvio
 

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