Preloader

Brocken

Nachdem ich die erste Tour seit langem mit Lars gut überstanden hatte und mein Rücken mitmachte kam Lars kurze Zeit später bereits mit einer neuen Herausforderung um die Ecke.
Nur mal um in Erinnerung zu rufen, das wir mit 4 Stempeln eigentlich immer gut bedient waren und auch dementsprechend lange und weit auf diesem Berg rumkraxelten. Auch mag ich es, wenn man sich Ziele setzt.
Lars wollte 12 Stempel. Es ging hier nicht um einen Wochenausflug oder Zelten in einer halb offenen Bretterbude. Nee ... 12 Stempel, 4 Wanderer, 1 Tag und ein Auto .... Tina's Auto. Der Plan war an Stempelstellen heranzufahren, bei welchen sich kleine fiese Stempelkastenrudel gebildet hatten. Also eine Stelle und von dieser dann 2 oder 3 weitere Stempel erwandern.
Vorab gleich an dieser Stelle .... Tina ... vielen vielen lieben Dank für die Fahrerei und die Wanderei und überhaupt. Wat die beiden Mädels - um Janine hier nicht zu vergessen wa - hier mitmachen ist nicht zu verachten. Kilometer um Kilometer durch 'n Wald mit zwee Kerlen die als Baby 5 mal in die Luft geworfen und nur 4 mal aufgefangen wurden und dann wieder die Strecke nach Hause.... Chapeau bas - Hut ab.
 
Wir trafen uns alle an gewohnter Stelle, stiegen gut gelaunt ins Auto und fuhren los.
 
Unser erster Anlaufpunkt war die Konradsburg. Dort angekommen erst mal raus aus dem Auto, Beine vertreten und wer sich seinen anatomischen Vorteil zu Nutzen machen konnte mal schnell um die Ecke.
Die Burg - welche 1021 erstmals erwähnt wurde kommt mir eher vor wie ein großer Hof umgeben von Natursteinmauer und Häusern. Hier wohnen sogar noch Leute was ich interessant fand. Der Hof war sauber und schön gepflegt.
Es gab einen kleinen Garten, ein Brunnenhaus und die Reste eines Benediktinerklosters. Von der römischen Basilika sind heute nur noch der sog. Chor und die Krypta vorhanden.
Im Kloster hängt über der Tür ein riesiges hölzernes Kreuz. Die Inschriften oben und an den Seiten kann man - ich jedenfalls - nicht entziffern. Am unteren Teil ist ein Totenschädel aufgezeichnet. Für mich etwas verwunderlich, da ich so etwas noch nie an einem Kreuz sah.
Unter dem Kloster ist die restaurierte Krypta mit Ihren Pfeilern und Sockeln. Sehenswert !
 
Das Wetter schien wieder einmal auf unserer Seite zu sein - wir zogen weiter. Nächstes Ziel: HWN 207 - Das Mausoleum.
Hier handelt es sich um eine neugotische Begräbnisstätte der Grafen von Asseburg-Falkenstein. Das Mausoleum ist ein beeindruckender Bau. Leider nicht zugänglich und vergittert. Wenn man rein schaut sieht man nichts als gäääähnende Leere und einen schwarzen Haufen in der Mitte bei dem man denken könnte, er ist Feldermaus - A-A ... Dings .... Gedöns.
 
Etwas später parkten wir auf dem Parkplatz eines Gasthauses und machten uns auf den Weg zur Selkesicht bzw. zur Stempelstelle HWN 203 - der Schutzhütte am Mettenberg.
Wunderschön zieht sich hier das Selketal zwischen den Bergen entlang. Der kleine Fluss Selke führt nur wenig Wasser und dümpelt mehr vor sich hin als er plätschert.
Ungefähr in der Mitte des Tales stellen wir freudig fest, das die Selkesicht über uns liegt. gefühlte 1000 Meter über uns. Der Kriegsrat wird einberufen.
Hoch zur Selkesicht und wir können die anderen Stempel so ziemlich alleabschreiben - von Silvio mal ganz abgesehen, der wohl auf halbem Weg einfach in den Wald kippt ODER Selkesicht auslassen, zur Schutzhütte HWN 203 und dann wieder zurück und noch ein paar andere Stempel holen. Wir entscheiden uns PRO Silvio und ich bin weiterhin mit von der Partie. Um dem geneigten Leser nur das mal näher zu bringen .... Selketal entspricht 8km Länge. Die Stempelstelle liegt ungefähr in der Mitte, also 4km. Das ganze dann wieder zurück macht 8km. Hier braucht also jetzt keiner kommen von wegen "Ihr seit ja nur mit dem Auto gefahren". Die letzte Stempelstelle war die Verlobungsurne - 20km Luftlinie vom jetzigen Standpunkt entfernt. Na .. später.
Am Mettenberg angekommen machten wir eine kleine Brotzeit und genossen das Wetter und die herrliche Umgebung. 
Der Rückweg war der gleiche wie hin, nur umgekehrt, ohne Kriegsrat und auch ohne bergauf. Geil.
 
Mit dem Auto ging es denn weiter in Richtung HWN 180 - Am Kohleschacht. 
Wir suchten in Ballenstedt einen Parkplatz, was sich als nicht einfach herausstellte. Tina kutschierte Ihr Auto gekonnt in eine Strasse, welche immer steiler wurde. Aber dank der Leistung Ihres PKW kamen wir bis ans Ende der Strasse. Eine Sackgasse.
Ick saß hinten drin und kam mir vor wie beim Raketenstart der Apollo 13 und war mal einen angsterfüllten Blick nach hinten .... nee ... unten.
Der Rückwärtsgang gibt die nächste Richtung an und mir wird bewusst .... wenn Sie jetzt nicht ordentlich fährt Freundchen ... du sitzt gerade vorne und überall sind Appelbäume. Aber hier zahlt sich das  jahrelange Rallyetraining aus und  Lars' bessere Hälfte bringt uns gekonnt nach unten. Keine 5 Minuten später sind wir am Dorfteich auf einem Parkplatz und machen uns fertig. Ein schild weist darauf hin, das jeder Dorfbewohner nur einen Karpfen am Tag mitnehmen darf. In meinem Kopp rattert es. 
Ballenstedt hat 8.058 Einwohner. Ziehen wir hier 10% Kinder ab bleiben 7200. Davon ziehen wir 10% ab die den Teich nicht kennen, bleiben 6480. Zm Schluss ziehen wir noch mal 20% keinen-Fisch-essende Silvios ab bleiben 5184 Leute die hier täglich einen Karpfen raus nehmen können. Damit jeder hier eine Woche lang Fisch essen kann, müssten da also gute 35.000 Karpfen drin sein. Wenn ich jetzt noch die Größe des Teiches zu den 35.000 Fischen hinzuziehe weiss ich eines genau.
 
ICH GEHE HIER NICHT BADEN.
 
Egal .. wir wollen wandern. Hoch den Berg. Überall hängen überreife Birnen und Apfel an den Bäumen. Die die nicht mehr hängen liegen am Boden - Physik halt. Dort werden die Früchte von ausgehungerten Wespen klein gemacht und es riecht nach Tod ... nein ... vergorenen Früchten und ich hab Bock auf nen schönen Äppelwoi.
Wir ziehen vorbei an Gärten rechts und dem Wald links und umlaufen den Berg. Irgendwann kommen wir auf eine riiiiiiiiieeeesige unbebaute Ackerfläche. Könnte auch 'ne Weide sein. Das GPS weist uns die Richtung und nach 30 Minuten kommen wir am Kohleschacht an. Ich bin enttäuscht, da man hier so gar nichts sieht vom Kohlebau der damaligen Zeit. Nich mal n Loch im Boden. Aber kein Wunder. Hier wurde 1584 einer der ersten Plätze errichtet, bei denen Steinkohle verkokt werden sollte.
Im Jahr 1584 erhielt der fürstlich-bernburgische Münzmeister Daniel Stumpfeld das Privileg auf ein Verfahren „den Steinkohlen, die Wildigkeit, den Stank und sonstige Unart“ zu nehmen. Also doch nicht so uninteressant der Platz. Auch hier übermannte uns der Hunger in all seiner Brutalität und wir speisten und tranken und brachen dann auch recht schnell wieder auf, da es hier langweilig war. Uns zog es jetzt weiter zum Bismarckturm (HWN 199).
 
Den Ackerweg zurück und am Wald angekommen brachen wir uns keinen Weg durch's Unterholz, denn es führte ein guter Waldweg bereits hinauf.
Der Turm hat runde Ecken. Abjefahren. Kurz zum geschichtlichen Teil. Wer den nicht mag, liest im nächsten Absatz weiter. Der Bau ist gar nicht sooooo lange her. Baubeginn war 1914. Interessanter ist das Bauende mit 1931. Im ersten Weltkrieg wurde der Turm also nicht weitergebaut und irgendwann 1931 vom Harzklub-Zweigverein Ballenstedt fertig gestellt. Das gute Stück ist 14,60m hoch und bietet einen schönen Blick über die Landschaft. Auch bietet er eine tolle Kulisse, wenn man herausgefunden hat, wie man Selfies per Handsteuerung auslöst. Hier beobachtet einen keiner und denkt wie bescheuert wir sind.
 
Dein Ernst ? Hast du den geschichtlichen Teil oben übersprungen ? Unglaublich.
 
Unser vorletztes Ziel war die Burg Falkenstein. Der Aufstieg ist entspannt, aber man merkt die Beene. Es ist viel los und man hat keine Ruhe. Ein dauerndes "Frisch auf" trocknet meine Kehle aus. Wir kommen vorbei an Tümpeln, die komplett voll sind mit Entengrütze. Im halbdunkel würde man das nicht erkennen und wahrscheinlich sang und klanglos im metertiefen Schlonz verschwinden. Kurz überlege ich für wen hier noch Platz sein müsste, schlage mir diese fiesen und üblen Gedanken dann aus dem Kopf.
Endlich oben beeindruckt die Burg. Ein riesiges Eingangstor umgeben von einer Mauer und drinnen ein großer Burghof. Das alte Fachwerk in 10-15 Metern Höhe, der Fels auf den die Burg gebaut ist fasziniert mich.
Ein in die Wand eingelassener Text berichtet von der Restauration von 1909 bis 1912.
Vor der Burg steht ein großer (Kalksand-?) Stein. Gewidmet ist er Eike von Repgow und seinem Förderer dem Grafen Hoyer von Falkenstein im Jahre 1233.
Wenn man mag kann man dann mit einer Touristenbahn den Weg wieder hinunter fahren. Der Preis lag bei 3 Euro und war völlig in Ordnung. Ich stieg also mit Tina in das Gefährt, während Lars und Janine sich zu Fuß auf den Rückweg machten.
Kurz bevor es los ging stieg noch eine freundliche kleine Familie mit ihrem Sohn hinzu. Kaum zottelte unser Taxi an meinte der kleene er müsse janz dolle ma für kleene Königstiger. Wie Eltern nun mal sind, lenken die des Kindes Aufmerksamkeit ab vom eigentlichen Geschehen auf die Welt ausserhalb. Guck mal da ... die grüne Wiese, die Bäume, die Kuh .... die grad mit nem C-Strahl die Weide umpflügt. Neeeeiiiinnnn ..... "Mama ick muss jetzt wirklich, ich halts nicht mehr lange aus".
Wir kommen aus dem Wald heraus und fahren eine geschmeidige Links-Kurve. Rechts steht das Auto .... und Lars und Janine. Alle drei fett am grinsen .... zwei von denen winken.
Ick krame schon in meinem Rucksack und such ne leere Flasche, find aber keine. Das befinden des Jungen wird immer erbärmlicher ... die Stimme immer höher .... "Jetzt kommts gleich..." Ich überleg ob man ihn aus dem Fenster halten könnte. Ick kieck Tina an, die zuckt nur unbeteiligt mit den Schultern und grinst. Krankenschwestern halt ... die sind janz andere Sachen gewohnt. Aber ick doch nich .... lass die Kiste anhalten. Ick such nach einer Notbremse. Gibts nicht. Toll ..... der kleene kündigt mittlerweile in C-Dur an, das er es jetzt gleich einfadch laufen lässt. Die Bahn wird langsamer und hält dann auf einmal ganz an. Der Blick eines gehetzten Tieres wandert von mir zu Tina. Wir springen raus bevor das Gefährt es sich anders überlegt. Wie laufen 300 Meter zurück und sind endlich am Auto. Wir steigen ein und machen uns auf den Heimweg.
 
Lars kann noch nicht loslassen und sieht das wir auf dem Rückweg an HWN 177 - der Verlobungsurne.
Die Idee hier noch schnell anzuhalten war eine der besten, da hier einige unserer besten Bilder und Eindrücke vom Harz entstanden.
Geschichtlich wurde das Denkmal 1845 von einer kleinen Gruppe Adliger errichtet und sollte an die unbeschwerten Aufenthalte hier erinnern. Der Volksmund gab dem Denkmal irgendwann den Namen Verlobungsurne. So .. wieder zu uns.
Kurz hinterm Tal von Alexisbad ließen wir das Auto und Tina zurück und machten uns an den Aufstieg. Lustigerweise war gerade Sonnneuntergang und wir hofften, das wir genau zum Sonnenuntergang oben sind. Dementsprechend war auch das Tempo.
Man glaubt gar nicht wie schnell der heiße Planet untergeht wenn er nicht soll. Ich denke nach 20 Minuten waren wir oben. Mein Puls befand sich irgendwo bei 170, meine Atmung bestand fast nur noch aus Luft holen und mein Blick glitt über das Tal und diesen fantastischen Sonnenuntergang. Zu dritt standen wir hier oben und waren hin und weg. Wir machten noch ein paar Fotos und trabten dann wieder runter wo Tina auf uns wartete.
 
Wir stiegen wieder ein und gemeinsam ließen wir ein weiteres mal den schönen Harz hinter uns.
 

return; 1 

Kommentare (0)

Dieser Thread wurde geschlossen.