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Spreewaldmarathon

Spreewaldmarathon - eigentlich Halbmarathon. An einem sonnigen Samstag wollten wir daran teilnehmen und gute 20km bei einem maximalen Höhenunterschied von 1,80m hinter uns bringen. Andre war wieder mit von der Partie, allerdings ohne Kichererbse.
Wer jetzt nicht weiß, wer Kichererbse ist, hat meine Geschichten nicht gründlich gelesen und darf von vorn anfangen :)
Ehrlich gesagt war ich zu zuversichtlich, die Strecke locker zu meistern wenn man bedenkt, das wir stellenweise planlos und ohne Kontakt zur Außenwelt durch den Harz tingeln.
Hier sollte es Versorgungspunkte geben und so Luxussachen.
 
Wir kamen pünktlich in Lübben an und hatten noch ausreichend Zeit um unsere Startnummern zu holen und uns zu sortieren. Ich hatte die Startnummer 5623 und dachte so "Das müssen aber eine Menge Leute sein die hier mitmachen".
Wie sich herausstellte war das wahrscheinlich die Gesamtsumme aller Mitspieler die jemals dabei waren. Am Start und Zielpunkt versammelten sich vielleicht 50 Leute.
Mit einem Startschuss setzten sich alle in Bewegung - ein Herdentrieb mit geschätzten 2km/h. Nachdem sich die Menge eingermaßen verlaufen hatte ging es dann und man bekam auch wieder Luft.
 
Guten Mutes liefen wir eine asphaltierte Strasse entlang vorbei an einem Sportplatz, schicken kleinen Häusern und kleinen Gärten bis wir irgendwann in einen Wald eintauchten. Rechts von uns die Elbe ein Spreewaldfluß über uns die Sonne - ich freute mich auf die Tour.
Lars zeigte auf einige Strohmieten am Rand und meinte, die Einwohner haben hie vergessen das osterfeuer anzumachen und man könnte ja. Ein deutliches "Nein", erstickte jedweden weiteren Gedanken im Keim.
Durch unser gequatsche hatten wir den Anschluss zur Herde etwas verloren und Janine meinte, wir sollten einen Zahn zulegen um wieder aufzuschließen.
Vor mir lief eine junge Blondine, die mir einen guten Windschatten bot und ich schloss nach und nach auf. Ich hätte nieeeee im Leben daran gedacht, das ich an ihr nicht vorbei komme. Als ich am überholen war, fing sie mit SmallTalk an. 
Dank meiner vorzüglichen Kinderstube die ich geniessen durfte, stieg ich sofort mit ein und wir waren beide der Meinung, das Wetter ist prima und Wandern ist ja so toll. Maaaaaaann ... echt jetzt ? Ick will vorbei und die raubt mir die Luft die ich zum überholen brauche.
Als von hinten eine Truppe Wanderer kam ließ ich mich zurückfallen um diese durchzulassen und entkam so weiteren Gesprächen. Die Wanderer waren vorbei und auf dem Rücken stand zu lesen "Rennsteig-Runner". Ist klar. Erst verlaufen und dann auch noch Wandern mit überhöhter Geschwindigkeit.
 
Irgendwann kam ein Schild mit einer großen schwarzen 3 drauf. Ich ging vorbei und murmelte nur "Du machst mich nicht fertig." So zog es sich dahin bis km 7 glaube ich der erste Versorgungsstand kam. Es gab Bananen, Gurken, Apfelschorle, Wasser, Cola, Schokolade und sicher noch andere Dinge die ich nicht sah, da ich den Stand rechts liegen ließ und 1000 andere Mitstreiter überholte. Noch 3km und ich hab die Hälfte geschafft dachte ich bei mir.
 
Vorbei ging es an Weiden auf denen zottelige Kühe faul rum lagen oder vor sich hin kauten. Kälber lagen bei Ihren Muttertieren und beäugten die Menschen die an ihnen vorbei liefen. Ich bekam Bock auf kalte Milch.
Nach und nach überholten mich die Leute vom ersten Versorgungsstand und auch die dralle Blonde kam pfeifend - also ein Lied - an mir vorbei und fragte, ob ich denn nichts gegessen habe. eigentlich wollte ich auf meinen Bauch zeigen und sagen "Doch, dort auf der Weide fehlt 'n Kalb." antwortete ihr aber nur mit "Nee, ick hab keen Hunger".
Am rechten Fuss fängt die Socke an zu rutschen und nervt mehr und mehr. Einen Kilometer weiter habe ich ein neues Fußbett .. unter den Zehen. Ich suche nach einem Pfahl an dem ich mich festhalten kann ohne erst 5 Meter auf den Acker laufen zu müssen und ohne nen Stromschlag zu bekommen. Ich finde einen, und versuche die olle Socke wieder in eine verträgliche Position zu zotteln. Sie mag nicht. Stolz wie ich bin lass ich mich hier nicht von einer Socke verarschen und lasse sie an der Position verharren. Kannst mich mal - zu Hause kommste in n Müll, so.
 
Bei Kilometer 10 ungefähr ein weiterer Versorgungsstand. Hier werden sogar die Läufer angekündigt. Ich drück den Rücken durch und die Männerbrust raus und gehe darauf zu. Als ich ran bin gehen alle beiseite und nix ist mir Ankündigung. Wahrscheinlich nur Prominenz und Leute die bereits seit 100 Jahren hier mitmachen. Da bin ich ein kleines nicht beachtenswertes Licht. Mein Ego hat einen riesen Knacks bekommen. Ich pfeif mir ne halbe Banane rein und trink einige der halb gefüllten 0,2er Becher aus und laufe weiter. Hundert Meter hinter dem Stand geht die Haltung flöten, und ich falle in meinen alten Trott.
 
Kurz ging es noch durch einen kleinen Wald und dann passierte es. Wald-Ende. Kein Schatten mehr. Vor mir ein schier endloser Plattenweg - so Panzerplatten aus Beton mit Löchern zum einhaken. Der ein oder andere kennt sie vielleicht.
Links und rechts nur Acker und von oben drückte der Planet bereits als gäb's kein morgen mehr. Die Wanderschuhe die ich mir extra für diesen gemütlichen Ausflug gekauft hatte, waren völlig für die Katz stellte ich mehr und mehr fest. Ein paar vernünftige Jogging oder Laufschuhe wären völlig okay gewesen. Nun gut. Der Weg sieht mir nach 50km schnurgerade aus, also machbar - für jeden anderen verdammt.
Nach zwei Kilometern auf diesem Weg hab ich glaube bereits nen Sonnenbrand auf'm Kopf an der Stelle wo die Kniescheibe raus guckt. Es ist heiß, mein mit Magnesium versetztes Wasser ist trinkwarm und mir perlt das Wasser lässig den Rücken runter.
Ick komm mir vor wie 'n Hummer im Kochtopp und erwarte jederzeit das ich anfange aus'm Panzer zu pfeifen.
 
Bevor es nach - ich weiß nicht - 4 oder 5km wieder in den Wald geht hat man den nächsten Versorgungsstand VOR dem Wald IN der Sonne aufgebaut. Es gibt wieder Schokolade in Suppenplateschälchen und ich frag nach einem Löffel. Gibt aber keinen, es sollten eigentlich kleine Schokostücken sein, aber ich sehe ja selber und man zeigt auf den Himmel. Ich esse eine viertel Banane, dann noch eine und trinke 2 Apfelschorle, 2 Cola um meinem Zucker etwas zu tun zu geben und noch 2 Wasser. Am Ende vom Tisch nehme ich mir einen Schwamm aus einer Schüssel mit kaltem Wasser und laufe weiter. Was dort noch stand war Pflaumenkuchen mit Streusseln und Streusselkuchen. Warum ? Wenn ich mir jetzt hier n Stück Kuchen jedweder Art in den Schlund schiebe, würde der glaube ich eher mehr werden als weniger je länger ich den kaue. Ganz zu schweigen vom Luftverlust den man hat, weil man ja mehr am kauen ist und nicht mehr weniger am atmen - oder ?
Ich bin keine 10 Meter vom Stand weg plärrt hinten eine Frauenstimme "Achtung LÄUFERRRRRR". Ähm ... warum werden die Läufer so angekündigt ? Sind die anders als wir nur weil se schneller sind ? Ich tendiere eher zu der Meinung, das es vom schreien her zu viel Aufwand ist zu rufen "Achtung WAN - DER - ER" oder *grinst* "Achtung FAHR - RAD - FAHR - ER". Der Ruf erschallt noch drei oder vier dann bin ich weit genug weg. An mir vorbei die Geher, die Walker und die LÄUFERRRRR.
Für mich sind am nervigsten die Walker mit ihren Knüppeln. Eine halbe Stunde bevor sie endlich an einem vorbei sind hört man sie ... *tick* *tick* *tick* *tick* die Stöcker des Todes mit denen man sich scheinbar mehr Vortrieb verschafft, je fester man sie in Mutter Erde pieckst. Was ich noch nicht gesehen habe vorher sind Walker, die Ihre Stöcke zusammen in der rechten Hand halten und vorwärts stürzen als gäbe es kein morgen.
Die Gattung der Geher ist mir bisher selten untergekommen, aber es gibt welche bei denen möchte man das Tempo möglichst lange mithalten. In meinem Fall natürlich völlige Utopie aber ... huiiii.
Lustig hingegen sind die LÄUFERRRRRR .... ich habe viel Zeit die verschiedenen Laufarten zu analysieren. Hier gibt es die "Stürzer" - in einem üblen Winkel nach vorn gebeugt an einem vorbei hastend. Ich glaube ein halbes Grad mehr genügt schon und die kippen vorn über. 
Dann gibt es hier die "Sitzläufer". Keine Ahnung welche Muskeln man trainieren muss, aber die laufen an einem vorbei in halb sitzender Haltung. Sieht komisch aus, aber scheint zu funktionieren.
Am besten sind die "Schwatzer". Die ziehen zu Hause den Schlüssel auf bis es knackt und laufen los. Ich vermute die merken gar nicht das sie laufen. Die erzählen sich Story und reden über Gott und die Unterwelt, aber laufen. Die fängt im Ziel entweder jemand auf und zieht den Schlüssel oder die hören nie auf zu laufen. Unglaublich.
 
Ich trabe mittlerweile mit einer mir eigenen Geschwindigkeit wieder durch einen Wald. Bei Kilometer 18 ungefähr bekomme ich Krämpfe in der rechten Wade. Keine dollen, aber kleine fiese. Ich beschliesse an der Brücke vor mir anzuhalten und die Beinde mal zu dehnen und auszuruhen. Kaum das ich stehe und mir meine Wade anschaue beginnt die linke Wade auch. Meine rechter Muskel zieht ohne mein zutun Kreise die sich unter der Haut abzeichnen so das es sich anfühlt, als würde jemand aus dem Muskel nen Zopf klöppeln. Ich muss weiter denk ich und laufe weiter. Wie auf rohen Eiern. Jeder Schritt tut weh, aber jammer is nicht. Schon gar nicht vor den Augen so vieler Leute. Es wird langsam besser, hört aber nicht ganz auf. Wieder und wieder erinnert mich der rechte Fuß daran, welche Macht er doch über mich hat.
Ich komme an einem Streckenposten vorbei der ein rotes Kreuz trägt. Ich überlege kurz und überwinde mich dann doch ihn anzusprechen. Ich frage ihn wie weit es denn ungefähr noch sei, ich habe nämlich fantastische Krämpfe, die Batikmuster unter der Haut zeichnen. Er sagt nur das es noch ein Stück ist, ich mit den Krämpfen vorsichtig sein soll und dreht sich um und geht zu seinem Stuhl.
Ich bedanke mich etwas undeutlich da ich durch die Zähne sprechen muss und setze meinen Weg fort. Ich überlege warum ich 35 Euro bezahle um so Füße und Waden zu bekommen.
 
Ich sehe ein Holzhaus und höre viele Stimmen. Scheinbar bin ich am Ziel und freue mich auf einen Eimer Wasser. Ich biege um ein Eck und mir kommen viele Leute wieder entgegen. Ich verfalle in Panik. Zurück ? Die laufen zurück ? Aber da war doch ein Schild mit einer 19 drauf vorhin. Ich bin doch hier im Ziel ? Bin ich ? Mit großen Augen gehe ich weiter immer mit der Erwartung das gleich jemand freudestrahlend auf mich zukommt und sagt "Super .... die Hälfte haste.".
Wie sich jedoch herausstellt ist es das Ziel für mich und die anderen drei. Hier stelle ich fest, das ich mich nicht einmal umgedreht habe und die drei verloren habe.
Ich setze mich auf einen Stuhl vor dem Restaurant und bestellt mir die größte Cola die sie haben, will auch gleich zahlen. Die größte Cola hier hat auch den größten Preis über den ich hier nicht sprechen mag.
Die Cola ist fast alle, kommen Janine, Lars und Andre auch schon um die Ecke. Janines Blicke hätten mich wahrscheinlich fast gleich niedergestrecken sollen. Wat soll ick machen, war halt schon hier und allein vorn weg und nicht im Team und passiert ist passiert. Ich gelobe Besserung liebe Janine :)
 
Jetzt werden wir jedenfalls mit dem Kahn in die Stadt zurück geschippert. Der Käpt'n erzählt von sich und der Ausbildung zum Kahnfahrer und ich kämpfe mal ne Runde mit dem Kreislauf. Der Schwamm im Nacken tut gut und so geht es bis wir ankommen wieder besser.
Am Markt angekommen werden die Buden mit Essen und Getränken bereits abgebaut und bis wir unsere Urkunde und die Spreewaldgurkenmedaille haben sind die auch schon fast alle weg. Ein Stand mit Getränken und einer freundlichen Barfrau gibt uns noch das ein oder andere Bier und Radler und baut nach und nach dann auch zusammen.
 
Auf dem Weg zum Auto überlegen wir noch wer fährt, denn Andre unser Fahrer hat Beine sagt er. Letztlich bringt er uns doch alle wohlbehalten an unseren Bestimmungsort und wir verabschieden uns voneinander.
 
Nächste Tour soll angeblich am 26.5. statt finden. Hier gehts dann wieder in den Harz. Wie weit wir laufen wissen wir wie immer nicht, aber Alters- und auch Wetterbedingt wollen wir bei hohen Temperaturen etwas kürzer treten als im Winter.
Bis dahin - gehabt euch wohl,
 
Silvio
 

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